Meine Wurzeln

Das ich nicht ganz so aussehe, wie eine komplette Schweizerin, ist sicher dem einen oder anderen aufgefallen. Das gehört aber genauso zu meinem Leben wie alles andere bisher – wenn nicht sogar am meisten von allem. Ich bin in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Dadurch fühle ich mich wie eine komplette Schweizerin. Mir wurde als Kind auch nie etwas anderes vermittelt. Trotz meiner Hautfarbe und dem asiatischen Touch, haben mir weder Mitschüler noch Lehrer jemals das Gefühl gegeben, dass ich ein Ausländer wäre – da bin ich echt wahnsinnig froh drum. Als ich älter wurde und kaum Freunde hatte, fühlte ich mich einfach nur als wäre ich im falschen Land aufgewachsen. Ich war mir so sicher, dass ich in Deutschland glücklicher geworden wäre, dass ich eine Zeit lang sogar auswandern wollte. Ich konnte bei den Deutschen einfach eher Anschluss finden – ich hatte da mehr Freunde als in der Schweiz. Doch schlussendlich weiss ich, dass ich eine geborene Schweizerin bin – und hier fühle ich mich zu Hause. Ich bin mehr Schweizer als irgendetwas anderes.

Nun ja, ich sehe ja nicht komplett wie eine Schweizerin aus. Das liegt daran, dass ich zur Hälfte Thailänderin bin. Das wars aber auch. Wir waren alle paar Jahre mal in Thailand in den Ferien. Ich kann mich sogar an eine Situation erinnern, als ich allein im Hotelzimmer war, weil ich keine Lust hatte mit meinen Eltern mitzugehen. Ich hatte Hunger und konnte nichts bestellen – weil mich keiner verstand. Ich wollte die Sprache nie wirklich lernen oder sprechen, doch da hatte ich zum ersten Mal komplett damit abgeschlossen. Das ist nur ein Punkt, weshalb ich nicht dorthin gehöre.
Ja, wenn es heisst wie gut wir es hier haben, ist das nicht übertrieben. Ich bin da wohl wirklich in zu grossem Luxus aufgewachsen, aber mein restliches Leben dort zu verbringen, scheint für mich im Moment unmöglich. Dasselbe gilt für die Kultur, die dort herrscht. Es sind komplett andere Umstände und für mich wirkt es so, als würde ich mich wegen vorgegebenen Strukturen eingeschränkt fühlen.

Klar, es ist möglich, dass ich anders denken würde, wenn ich nicht so oft damit konfrontiert gewesen wäre. Obwohl ich in der Schweiz aufwuchs, hatte ich oft das Gefühl, dass meine Mam mir die Kultur aufzwingen wollte. Als Kind kommt man auch nicht auf die Idee, dass sie mir wohl auch einfach andere Ansichten zeigen möchte. Mir wurde all das einfach zu viel und ich habe mich komplett dagegen gewandt – daran hat sich bisher auch nichts geändert. Es gibt nämlich ein weiterer Punkt, der drückt. Wer ein Elternteil aus einem anderen Land hat, hat auch meistens sonst eine Familie von dort. In meinen Fall ist es eine sehr Grosse. Mit dieser kann ich weder kommunizieren noch ich selbst identifizieren. Wie soll ich Menschen, die ich als Kind mal alle paar Jahre gesehen habe, als meine Familie bezeichnen? Ich weiss, dass sie es sind, doch es besteht keine Bindung zu ihnen. Auch das wird mir oft vorgeworfen, doch ich kann nichts daran ändern. Sie sind meine Familie – doch ich kenne sie nicht – doch ich weiss nicht wer sie sind – doch ich würde mir keinen Tag mit ihnen alleine vorstellen können – doch sie lösen keinerlei Emotionen in mir aus. Aber wie könnten sie das? Es liegt an mir. Ich denke, dass alle direkt auf mich zukommen würden, wenn ich es nur zulasse. Doch aus all den bereits erwähnten Gründen, sehe ich das im Moment als keine Option bzw. fehlt das Interesse komplett.

Alles in allem ist das meine Herkunft, mit allem was bei mir dazugehört. Ich finde es ist nicht wichtig – schlussendlich fühle ich mich eh als Schweizer. Ich bin mit allen möglichen Asiaten-Witze konfrontiert. Abgesehen davon, dass ich mit sowas sowieso locker umgehe, kann es mich einfach nicht treffen. Grundsätzlich ist doch das Wichtigste, dass alle so akzeptiert werden wie sie sind – egal welche Herkunft, Religion oder sonst was. Und das ist und war bei mir immer der Fall.

1 comment / Add your comment below

  1. Finde das mega interessant, weil das etwas war von dem ich von dir noch nicht wusste ^_^ bei mir ist es z.B. anders. Ich bin auch zwischen zwei Kulturen aufgewachsen aber, wenn mich jemand fragt wie ich mich fühle antworte ich immer mit (Welt)mensch. Klar es war bzw ist prägend in Deutschland aufgewachsen zu sein aber irgendwie sehe ich die Welt als ganzes, weil sie so riesig ist und ich mir keine Barrieren setzen will. Wünschte ich könnte dieses Gefühl etwas besser erklären, aber es fällt mir ehrlich gesagt nicht so wirklich leicht. Einmal stellte uns meine Lehrerin die frage: Fühlt ihr euch Deutsch, Schwäbisch oder Europäisch?
    Und manche haben ernsthaft Schwäbisch geantwortet und bei mir löst das (ungerechtfertigt, denn jeder darf sich so fühlen wie er will) das Gefühl aus: Warum schränkst du dich ein???? Du bist so viel mehr!!!

    Meiner Lehrerin gaben zwei Freunde und ich die Antwort, dass diese drei Kategorien für uns zu klein sind und wir uns als Weltmenschen sehen. Da gabs auch von anderen Augenrollen und Unverständnis. Es ist also glaube ich wirklich eine super individuelle Sache, aber wie du sagst: Hauptsache wir respektieren und akzeptieren einander ^__^

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