#1 – Liebe

So kitschig das wohl auch klingen mag – das erste Wort für meine Story-Challenge ist doch tatsächlich „Liebe“. Etwas kitschiger wird es weiterhin, denn das Wort kommt tatsächlich von meinem Freund. Ich habe mir einiges an Gedanken gemacht, wie ich das Thema verpacken soll. Was genau ich schreiben soll, worüber ich schreiben soll. Denn „Liebe“ ist ein weiter Begriff. Und da fiel mir auf, was für ein Müll in meinem Hirn steckt. Von Ultra-Kitschig-Romantischen Dingen bis hin zu „das ist einfach total lächerlich und bescheuert, aber extrem lustig“. Tja, nun seht wofür ich mich entschieden habe.
Lieber Freund, hier ist deine Kurzgeschichte.

Liebe

‚Endlich. Endlich kann ich mich etwas länger ausruhen. Du weisst es vielleicht nicht, aber auch gestaltlose Wesen benötigen auch mal ihre Erholung. Anfangs war mir das selbst nicht klar. Ja, ich bin gestaltlos, doch ich bin überall. Ich folge dir und deinem Weg. Ich passe auf dich auf – doch verzeih mir, falls auch ich Fehler mache. Die Menschen haben so ein Sprichwort. ‚Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.’ Und so kam es, dass auch ich Fehler machte. Fehler, aus denen ich lernen musste, damit du nicht weiter böse auf mich bist. Jetzt sieh dich an. Wie du dasitzt. Wie du so selig lächelst und verträumt die Wand anstarrst. Ist das nicht ein Genuss, dich so zu sehen?’
„Was soll das jetzt? Jetzt reichts mir aber!“
Ich horche auf. Was ist bloss passiert? Du stehst auf und nimmst dein Handy, tippst wütend etwas rein. Langsam schaue ich dir über die Schulter und sehe, wie du SEINEN Kontakt löschst. Hektik bricht bei mir aus. ‚Wieso? Weshalb tust du sowas?!’
„Das wars.“ Du schleichst in die Küche, holst dir einen riesigen Löffel und eine Packung Eis.
‚Nein. Nein, nein, nein. Du Idiotin. Weshalb hast du das getan?! Das war doch gerade so schön! Und all die Arbeit, die ich darin investiert hatte. Hallo?! Hörst du mich nicht?!’ Ich weiss nicht was ich tun soll. Ich weiss nicht was passiert ist. ‚Weshalb ist es jetzt vorbei?’
Ich entscheide, dass du nun mit dem Eis alleine klarkommen musst. Ich kenne das schon zu genüge, mehr als dass du mich verfluchen wirst, wird hier nicht passieren. Also gehe ich zu ihm.

‚Was hast du getan du Vollhorst?’
Ich entdecke ihn, umschlungen mit einer anderen Person, auf einer Parkbank. Nun verstehe ich dich.
‚Wie konnte ich das nur übersehen? Ich dachte, dass das nun richtig gewesen wäre. Was habe ich falsch gemacht?’
‚Du hast zu wenig auf deinen Freund hier aufgepasst. Lern noch etwas mehr du Amateur’, höre ich hinter mir.
Blitzschnell drehe ich mich um. Ein weiteres gestaltloses Wesen steht hier. Das gehörte wohl zu dem Mädchen, dass bei ihm ist. Dort wo du eigentlich hingehören würdest.
‚Du! Zu wem gehörst du? Zu ihr?’ frage ich schnippisch und möchte die Antwort eigentlich gar nicht hören. Ich ahne bereits, worauf das hinausläuft. Ich bin neu im Geschäft, aber nicht weniger lang als dieses andere unverschämte Wesen.
‚Zu wem sonst? Zu dem Typ offensichtlich nicht, das wäre ja nicht möglich.’ Natürlich. Die männlichen Menschen werden ohne uns geboren.
‚Du meinst mein Job ist es, auf ihn aufzupassen, damit kein anderes Wesen ihn stiehlt? Er gehörte zu mir! Du hast mich die ganze Arbeit machen lassen, damit du ihn dir einfach schnappen kannst!’
Das andere Wesen lacht. ‚Du hast dich in der Zeit einfach ausgeruht? Du hast immer noch keine Ahnung wie dein Job funktioniert? Herrgott, wir sind die Liebe! Wenn wir uns ausruhen, vergeht diese. Egal, welche Arbeit wir zu Anfang investiert haben! Tut mir leid, ich wusste nicht, dass du hier deine Finger im Spiel hattest. Normalerweise sieht man das den Menschen an, aber hier hat deine Arbeit wohl keine Früchte getragen.’
Verwirrt und wortlos kehre ich zu dir zurück. Was meinte er damit, dass wir die Liebe sind? Bin ich die Liebe? Ich habe mich einfach als gestaltloses Wesen gesehen, das dich begleitet und Freundschaften knüpft. ‚Bin ich dafür verantwortlich, dass es dir so geht?’

Tagelang habe ich dich nun beobachtet. Dich bis aufs innerste studiert. Du hast dich verkrochen und mit keinem geredet.
‚Das reicht jetzt. Los beweg dich. Wir gehen raus und lernen neue Menschen kennen! Ich finde nun den Passenden für dich. Ich meine – ich bin die Liebe! Sofern das andere Wesen wirklich recht hat. Aber lass es uns rausfinden! Es ist ein schöner, sonniger Tag. Raus mit dir, du faules Stück!’
Ich höre nur ein Seufzen aus deiner Richtung. Es würde vieles so viel einfacher machen, wenn du mich hören könntest. Ich versuche näher an dich ranzugehen und dich hochzuziehen.
‚Na komm schon. Das kann doch nicht so schwer sein.’ Stück für Stück merke ich, dass sich dein Körper aufrichtet. ‚Ja, weiter so! Schluss mit Faulenzen!’ Du stehst auf und bewegst dich. In einen anderen Raum. Und du sinkst dort wieder auf das Sofa. Enttäuscht setze ich mich neben dich und starre dich an.
‚Na, immerhin haben wir mal das Bett verlassen. Vielleicht solltest du was essen?’ Natürlich reagierst du nicht. Ich bin ja für dich unsichtbar. Gestaltlos. Nicht vorhanden.
„Das geht so nicht. Das kann nicht sein. Ich gehe jetzt raus.“
Ungläubig starre ich dich an. ‚Sag ich doch du Faultier! Los raus mit dir, damit ich endlich meine Arbeit machen kann.’

 

Fünf Monate später

‚Endlich. Endlich kann ich mich etwas länger ausruhen. Du weisst es vielleicht nicht, aber auch gestaltlose Wesen benötigen auch mal ihre Erholung. Anfangs war mir das selbst nicht klar. Ja, ich bin gestaltlos, doch ich bin überall. Ich folge dir und deinem Weg. Ich passe auf dich auf – doch verzeih mir, falls auch ich Fehler mache. Die Menschen haben so ein Sprichwort. ‚Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.’ Und so kam es, dass auch ich Fehler machte. Fehler, aus denen ich lernen musste, damit du nicht weiter böse auf mich bist… Halt! Moment, hatten wir das nicht schonmal?!’ Verzweifelt versuche ich mich an das letzte Mal zu erinnern. War da nicht was? War da nicht ein anderes Wesen, dass trotz meiner Arbeit und meiner Mühe-
‚Ohhh, mist. Ich muss jetzt wohl erst recht arbeiten. Ich bin die Liebe. Aber wie funktioniert das?’
Er steht auf und möchte gehen. Ihr verabschiedet euch förmlich. Trauer ist in deinen Augen zu sehen, doch sein Ausdruck scheint unbeeindruckt.
‚Mein Einsatz ist gefragt!’, schreie ich und schreite Superman-mässig zur Tat. Ich versperre ihm den Weg. Und dann passiert etwas Unglaubliches. Er bleibt stehen und sieht mich direkt an. ‚Hallo? Siehst du mich?’ Ich winke. Nichts passiert. Er steht nur da. Ich sehe dich an, wie du verwirrt an der Türschwelle stehst.
„Alles in Ordnung? Willst du nicht gehen?“
‚Was habe ich getan? Was soll ich tun? Ich habe keine Ahnung was hier abgeht’, flüstere ich ihm zu. Er blinzelt nur. Ich versuche so verschwörerisch wie möglich zu ihm zu sprechen. ‚Geh zurück und schenk ihr all deine Liebe.’
Tatsächlich dreht er sich um. Er geht zu dir und gibt dir einen Kuss.
„Ich bleibe doch lieber“, sagt er und dein Gesicht hellt sich auf.
Ich begleite euch wieder rein. Beobachte euch eine Weile. Wie ihr euch umarmt, gemeinsam aufs Bett setzt und kuschelt. Irgendwann sehe ich es. Ein kleiner durchsichtiger Strauch aus seinem Kopf.
‚Normalerweise sieht man das den Menschen an’, wiederhole ich leise die Worte des anderen Wesens, ‚aber hier hat deine Arbeit wohl keine Früchte getragen.’ Da sollten wohl irgendwann die Früchte meiner Arbeit hängen – es scheint als hätte es recht gehabt. Nun verstehe ich es. Ich dachte eigentlich, das sei ein Sprichwort. Aber es liegt noch einiges an Arbeit vor mir bis der Strauch wächst. Und Früchte spriessen. Was ich wohl mit den Früchten machen soll?
Ich sehe dich an. Du scheinst zum ersten Mal wirklich glücklich zu sein. ‚Wir finden schon raus, wie das geht. Ich krieg das schon hin’, flüstere ich dir zu. Du siehst mich an. Du zwinkerst mir eine Sekunde zu und siehst weg. Ich bin verwirrt, doch das muss ich nicht verstehen. Ich bin nur dafür verantwortlich, dass das hier wächst und gesund bleibt.

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