Auge um Auge und die Welt wird blind

Da gab es etwas, was mich beschäftigte. Es kam der Moment Ende 2020, da ist eine PS4 bei uns eingezogen. Nein, das ist noch nicht der Punkt, der mich beschäftigt hat. Dazu kamen auch noch einige Spiele, wie „Detroit: Become Human“. Ich übernachte einmal die Woche bei meinen Eltern – arbeitsweg-bedingt und irgendwie auch ein wenig, weil ich sie sonst wohl viel seltener sehen würde (so wie es bei der restlichen Familie der Fall ist). Jedenfalls bekam ich dann schon die Nachricht, dass mir das Spiel gefallen würde. Mit dem Hintergedanken an den Lernberg, nervte mich das ein wenig. Wie so viele schöne Dinge einen nervigen Beigeschmack erhalten, wenn ich mich damit beschäftige, anstatt mit meinen riesigen Ordnern, die mich mit ihrem Lern-Inhalt verhöhnen. Als ich nach Hause kam, wurde das dann ausprobiert. Erst begeisterte es mich nicht sonderlich. Es war ähnlich wie ein Film. Als würde man sich das ansehen, aber selbst dabei die Handlungen bestimmen können. Je nach dem, welche Handlung man wählt, verändert sich die nachfolgende Geschichte und vor allem das Ende. Spannendes Konzept.

So kam es, dass wir das restliche Spiel an einem freien Sonntag durchspielten. Wir haben nicht anderes getan als gespielt – oder ferngesehen, wie man’s nimmt. Es hat gut getan, einfach mal den Kopf abschalten zu können. Doch konnte ich das wirklich? Ich hatte die Wahl als Roboter eine gewalttätige Revolution zu starten oder pazifistisch an die Sache zu gehen. Für mich war die Sache klar. Der gewalttätige Weg hätte mich (so vermute ich) vielleicht eher kalt gelassen, da es so gar nicht meinem Wesen entspricht. Doch der Pazifismus bescherte mir einige eindrückliche Szenen. Ich spielte Roboter, die Gefühle und ein Bewusstsein für ihre Existenz entwickelt hatten und auch so von den Menschen anerkannt werden wollten. Die Roboter waren vermenschlicht, sahen aus wie Menschen und benahmen sich zum grossen Teil wie Menschen. Trotz (oder auch wegen) den friedlichen Demonstrationen wurden die Menschen (Polizei, Regierung etc.) dennoch gewalttätig. Was mache ich, wenn ein Polizist mit Waffen auf mich zielt, während ich hinter mir hunderte weitere Roboter hatte, die mir in die Demonstration folgten? Wir hätten ihn problemlos niedermachen können, ich hatte die Wahl. Ich entschied mich dafür, die Hände zu erheben und die Masse tat es mir gleich. Es hatte die gewünschte Wirkung – wie kommt die Polizei rüber, wenn sie unbewaffnete Wesen (was die Roboter in dem Moment dargestellt haben) einfach erschiesst. Es ging weiter. Eine Horde Polizisten, FBI oder was auch immer warteten am Ende der Strasse. Die Horde wurde beschossen und getötet (ja, die Roboter konnten erschossen und dadurch beschädigt/zerstört werden). Was macht man dann? Mehr Roboter opfern und pazifistisch bleiben oder zurückschlagen, weil das total unfair ist? Ich entschied mich für ersteres. Viele wurden getötet, doch „ich“ entkam. Nicht alle Verbündeten in dem Spiel waren mit der Entscheidung zufrieden, doch es wurde kein Mensch dabei verletzt. Soweit ich weiss.

Die Szene am Ende – es war bestimmt schon nach 22 Uhr – war ebenfalls eindrücklich. Da waren wir, haben für unsere Rechte gekämpft und am Ende waren noch etwa 7 übrig und der Rest wurde umgebracht. Wir sassen in der Falle. Die lebhafte Schreckensvorstellung da zu stehen und zu wissen, dass man gleich von einem dieser Kugeln getötet werden würde, stellte sich bildlich dar. Die Polizei stand direkt vor uns, zielte auf uns, doch schossen noch nicht ab. Was macht man in dem Moment? Ich hatte 4 Wahlmöglichkeiten, leider weiss ich nicht mehr welche es waren. Ich habe „singen“ gewählt. Da standen sie dann die 7 angeblich gefühlskalten Roboter und sangen, kurz bevor sie erschossen würden. Was aber nicht passierte, das brachten die Menschen dann doch nicht über sich.

Alles in allem war das doch ein intensiver Sonntag, mit viel eindrücken. Obwohl wir nur einer Geschichte zugesehen haben – wenn auch nicht unbeteiligt. Ich habe mich nie mit dem Pazifismus beschäftigt, doch es gab eine Szene, die bei mir hängen blieb. Ich hatte die Wahl. Ich hatte eine Waffe und die Wahl, einen Polizisten, der vor mir war, damit zu verletzen. Ich weiss nicht mehr, was er davor getan hatte – ob er einen der Roboter verletzt oder „nur“ bedroht hatte. Ich entschied mich gegen Gewalt und liess ihn laufen. Von dem Roboter, den ich spielte, kam dann der Spruch „Auge um Auge und die Welt wird blind“, was mich beeindruckt und zum nachdenken gebracht habe. Nach heutiger Recherche weiss ich, dass dies ein etwas abgewandeltes Zitat von Mahatma Ghandi ist.

Wie man ein Zitat verstehen möchte, ist oftmals jedem selbst überlassen. So kleine Sätze haben je nach Persönlichkeit einen sehr grossen Spielraum zur Interpretation. Wenn ich das in dem Kontext betrachte, in dem es angewendet wurde, kann ich aber darauf schliessen, was Herr Roboter damit gemeint hatte. Hat jemand je versucht Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen? Sicherlich. Was hat es gebracht ausser mehr Gewalt? Ich vermute nicht viel. Kann man Ungerechtigkeit durch noch mehr Ungerechtigkeit bekämpfen? Kann man Hass mit Hass bekämpfen? Ich habe mich nie gefragt, ob ich zur pazifistischen Sorte gehöre (wobei ich ziemlich lange, ehrlich gesagt, gar nicht wusste, was das Wort bedeutet). Doch vielleicht ist das der Zeitpunkt, mich damit zu beschäftigen – wie sieht die Welt für mich aus? Welche Dinge stimmen für mich, welche nicht? Bei solchen Gedanken, höre ich in mir oftmals Mutter Theresas Aussage „Auf eine Anti-Kriegsdemo würde ich niemals gehen. Auf eine Friedensdemo können Sie mich gerne einladen.“

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