Hintergründe eines kaputten Fensters

In letzter Zeit häufen sich spannende Dialoge mit meinen Arbeitskollegen. Ich bin in meinem 50% Pensum immer im Büro, oftmals alleine mit meinem Chef. Der Rest befindet sich coronabedingt im Homeoffice, mit einigen Ausnahmen, war es davor aber nicht gross anders. Umso schöner finde ich es, wenn noch jemand ins Büro kommt. Es hat doch schon etwas anderes, wenn man das Gesicht sieht und sich nicht hinter einem Profilbild versteckt.

Jedenfalls ist es nun so, dass es dazu auch vermehrt zu Dialoge kommt, wenn man sich nach mehreren Wochen oder gar Monaten mal wieder erblickt. Die Arbeit wird zwischenzeitlich nebensächlich – der Kontakt zu den Kollegen ist dann wichtiger. Schliesslich will ich schon wissen, was in meinem Arbeitsumfeld so abgeht, auch wenn ich „nur“ die Assistentin bin. So kam es, dass wir nach den üblichen Floskeln (aktuelles Befinden, Corona, Befinden der Familie, Corona, meine schulische Situation, Corona) irgendwie bei Themen landeten, wie Lebensträume, Ziele, Menschen hinter ihren Fassaden und um zum Thema dieses Beitrages zu gelangen: gute und böse Menschen. Ich kann mich nicht mehr an den ganzen Verlauf der Unterhaltung erinnern, aber es begann mit seiner der Aussage von „wenn ich das ganze Schlechte in einigen Menschen sehe, kann ich manchmal nicht glauben, dass der Mensch von Grund auf gut ist“ und ging weiter mit meiner Meinung, dass keiner als schlechter Mensch geboren wird.

Mein Kollege griff ein Ereignis auf, das in meinem Leben vorfiel. Da ich in der Stadt arbeite, ist die Parksituation etwas kompliziert – sofern man nicht mit der Polizei und Bussgeldern in Kontakt treten möchte. Also parkiere ich einen 5-minütigen Fussweg entfernt an einem Sportplatz. Ich war dann Mittags wieder dort und parkierte um, da die maximale Parkzeit überschritten war, und ging zurück zur Arbeit. Zu dem Zeitpunkt war noch alles in Ordnung. Abends dauerte es eine Weile, bis ich schnallte, was passiert war. Das Beifahrerfenster wurde eingeschlagen und die Laptoptasche (inkl. Laptop) gestohlen. Die Scherben verteilten sich über beide Sitze. Immerhin war mein halber Haushalt, den ich aufgrund eines Umzuges dabei hatte, noch im Auto. Von der Versicherung war keiner zu erreichen und die Polizei wollte, dass ich selbst zu ihnen fahre. Also wischte ich mir die Scherben vom Sitz und fuhr selbst dorthin. Ich kannte mich nicht aus, das Navi gab den Geist auf und ich war maximal gestresst. So kam es auch, dass viele Arbeitskollegen das mitbekommen hatten, denn ich musste meinem Ärger irgendwo Luft machen. Einige hat das ziemlich erschüttert, so auch der eine, mit dem ich das Gespräch führte. Wie sehr ihn das zum nachdenken brachte, erfuhr ich an dem Tag, über ein Jahr nach dem Vorfall. „Wenn ich sehe, dass sowas in der Schweiz passiert, dann verlier ich fast den Glauben an das Gute.“

Ich sah ihn an und setzte mich gerade hin. „Ich bin dem, der das gemacht hat nicht böse. Klar, es war für mich ziemlich scheisse, es hat mich genervt und ich war wütend. Es war aber nur die Situation, die das mit mir gemacht hat. Vielleicht hätte ich diese Person damals aus der Situation heraus verfluchen können, ich mache ihm aber gar keinen Vorwurf.“ Er sah mich einen kurzen Moment nur an – ich hatte den Eindruck, dass er nicht ganz verstand, was ich da von mir gebe. Oder mir das nicht abkaufen konnte. Jedenfalls setzte er dann nach „Welcher Mensch tut so etwas? Kann einer mit so einer kriminellen Tat wirklich ein guter Mensch sein? Er schadet damit anderen.“ – „Naja, du weisst nicht warum er das getan hat. Ist es ein Jugendlicher, der von Zuhause rausgeworfen wurde und Geld braucht? Jemand, der daheim vom Vater verprügelt wurde und irgendwie abhauen will? Jemand der krank ist, die Versicherung aber nötige Behandlungen nicht komplett übernimmt? Man weiss es nicht. Klar kann es ein krimineller sein, aber was hat ihn dazu gemacht? Warum ist er so geworden? Sind vielleicht die Eltern in frühem Alter gestorben? Ist er im Heim aufgewachsen, ohne richtige Bezugspersonen?“

So in etwa verlief die Unterhaltung. Und sie hinterliess Eindruck – ich glaube, nicht nur bei mir. Klar, kann man ein Verhalten nicht mit so etwas entschuldigen. Aber diese Sichtweise hilft mir persönlich doch einiges, keinen Hass auf gewisse Menschen und Umstände zu verspüren. Und genau das ist es, was mich durch solche Situationen bringt – das Verständnis, dass es andere nicht so gut haben und sich viel stärker durch das Leben schlagen müssen. Das Bewusstsein, dass viel mehr hinter gewissen Taten stecken kann, als man vermutet. Die Fähigkeit, nicht zu urteilen und den Menschen hinter den Taten sehen zu wollen.

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